Das IV-Dialogforum

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sebastian d.

22. November 2017

Warum nutzen viele große Unternehmen Steuerschlupflöcher obwohl sie sehr wohl die Infrastruktur und Bildung des Landes in Anspruch nehmen und davon profitieren?

Unsere Antwort

Lieber Sebastian! Wie bereits häufig geschildert, sind österreichische Unternehmen grundsätzlich steuerehrlich. Hier sind sich Experten und Finanzbeamte einig. Die Zahlen zeigen außerdem, dass die zehn Prozent der größten österreichischen Betriebe knapp 90 Prozent des gesamten Körperschaftsteuer-Aufkommens (KÖSt) leisten. Leider ist es doch so, dass internationale Unternehmen die steuerschonendsten Standorte und Ausweichmöglichkeiten nutzen. Dies wird sich erst ändern, wenn internationale oder  – für Österreich relevant – europäische Gesamtlösungen entwickelt werden.

Dr. Philipp G.

24. November 2017

Das österreichische Steuersystem ist laut WIFO-Studie proportional: alle Einkommensgruppen zahlen relativ betrachtet gleich viel Steuern. Eine Reduktion von Gewinnsteuern würde das System wohl sogar regressiv machen: ist das fair?

Unsere Antwort

Das Steuersystem ist nicht proportional: Teilt man die privaten Haushalte in Österreich je nach Einkommen in Zehntel („Dezile“) auf, so zahlt das unterste Einkommensdezil nur 1,6 Prozent des Steuer- und Abgabenaufkommens (inkl. Verbrauchsabgaben), bekommt dafür jedoch fast 14,7 Prozent der staatlichen Transferleistungen. Das „oberste“ Einkommensdezil 30,6 Prozent aller Steuern und Abgaben und bekommt nur 7,8 Prozent aller staatlichen Transferleistungen. Die Menschen im obersten Dezil verlieren fast ein Drittel (32,5 Prozent) (oder 2.491 Euro pro Monat) ihres ursprünglichen Markteinkommens. Die Menschen im „untersten“ Dezil gewinnen hingegen fast das Dreifache (291 Prozent) ihres ursprünglichen Markteinkommens (oder 849 Euro pro Monat). Im Jahr 2000 haben die obersten zehn Prozent übrigens „nur“ knapp 1.600 Euro pro Monat an das Transfersystem abgeben müssen, und die unteren zehn Prozent „nur“ 520 Euro pro Monat bekommen. Es wird also stetig immer mehr umverteilt.

Dr. Philipp G.

24. November 2017

Die Empirie verdeutlicht, dass die Höhe der Abgabenquote keinen Einfluss auf das Wachstum hat. Gleichzeitig gibt es einen positiven Zusammenhang zwischen dem Entwicklungsstand eines Landes und der Abgabenquote: hohe Abgabenquote = hohes BIP/Kopf. Warum sollten wir ein Interesse an einer Senkung haben?

Unsere Antwort

Das stimmt nicht. Beispiel: Seit dem Jahr 2000 ist zu beobachten, dass das jährliche Produktivitätswachstum jener Staaten mit einer Abgabenquote >40% kleiner ist, als für jene Staaten mit einer Abgabenquote <40%. In den Hochsteuerländer betrug das jährliche Produktivitätswachstum 0,78%, in den anderen Staaten 1,18%. Die Hochsteuerländer lagen mit dem Zuwachs der Produktivität damit auch unter dem Durchschnitt der europäischen OECD Länder. Auffallend ist auch, dass nur jene Länder der „Hochsteuergruppe“ , die ihre Abgabenquote im Beobachtungszeitraum überdurchschnittlich stark reduziert haben, eine überdurchschnittliches Produktivitätswachstum aufweisen konnten.

Dr. Philipp G.

24. November 2017

Die Zahlen der OECD, wie auch die länderspezifischen Empfehlungen von OECD und IWF für Ö, verweisen auf die Schieflage im hiesigen Steuersystem, nicht etwa auf eine zu hohe Abgabenquote. Es wird empfohlen Steuern auf Arbeit zu senken, dafür aber Vermögenssteuern zu erhöhen! Widerspricht das nicht ihren Forderungen?

Unsere Antwort

Es wird nur empfohlen, die Steuern auf unbewegliches Vermögen höher zu besteuern (z.b. Grundsteuer). Eine allgemeine Vermögenssteuer wirkt genauso Wachstumsschädlich wie eine KöSt-Erhöhung.

Daniel S.

21. November 2017

Was sagt die IV dazu, dass laut IHS „bei Immobilien und beim Vermögenszuwachs […] Vermögenssteuern „denkbar“ und „einigermaßen ergiebig““ seien, und das WIFO „zur stärkeren Besteuerung von „Reichtum“ durch höhere Belastung von Grund und Immobilien, Vermögenszuwachssteuer und Wiedereinführung der Erbschaftssteuer“ rät

Unsere Antwort

Vermögensbezogene Steuern erhöhen die Kapitalkosten der Unternehmen und verringern damit die Investitionen. Das führt zu erheblichen Wachstumseinbußen. Sie vermindern auch die Nettorendite der heimischen Sparer und schmälern das im Inland angesparte Finanzvermögen. Wir brauchen aber Investitionen und Privatvermögen in Österreich. Nur mit diesem Geld können Unternehmen investieren (oder kann der Staat seine Defizite finanzieren), wenn die Volkswirtschaft sich nicht wie in Griechenland oder Spanien übermäßig im Ausland verschulden will.

Geht man von einer Vermögenssteuer im Ausmaß von einer Milliarde Euro aus, die die Finanzierungskosten der Unternehmen im selben Ausmaß erhöht, ergibt sich laut IHS-Simulation ein langfristiger Rückgang des jährlichen BIP um 0,65%. Die Investitionen sinken dabei um 1,25% und die Beschäftigung fällt um 0,24% geringer aus.

Ma.

20. November 2017

Wir brauchen eine Konto-und Stiftungssteuer und dgl., ab einer Million Euro aufwärts, denn DA liegt dieses Geld nutzlos herum. Und das 50 %. Also überall da, wo das Geld nutzlos am Konto liegt und „arbeitet“ und der REALwirtschaft fehlt für anständige Einkommen ab 5.000 Euro aufwärts.

Unsere Antwort

Vielen Dank für Ihre Anregung mit der Idee eine Konto- und Stiftungssteuer einführen zu wollen. Tatsächlich gibt es diese Steuern bereits. Im Bereich der Stiftungen in Form der Stiftungseingangssteuer und der Zwischensteuer und im Bereich des Kontos über die Besteuerung der Zinsen in Form der Kapitalertragsteuer.

Wolfgang G.

21. November 2017

Was bräuchte Österreich um ein schlanker und somit starker Staat sein zu können?

Unsere Antwort

Österreich hat ein Ausgaben- und kein Einnahmeproblem. Der Staat muss daher in erster Linie mit den eingenommenen Steuern gewissenhafter umgehen und in Zukunftsbereiche wie Bildung, Forschung und Infrastruktur investieren. Hier kann man die Förderstrukturen bereinigen: Bei Kürzung des Fördervolumens um 10% könnten 1,5 Mrd. Euro eingespart werden. Weitere 500 Mio. Euro sind lt. Angaben der Bundesregierung durch Effizienzsteigerungen zu heben (Mehrfachförderungen, Output-Evaluierungen etc.). Das ergibt ein Einsparungspotenzial von 0,5% des BIP. Einsparungspotenziale sehen wir auch in der Hoheitsverwaltung: Österreich gibt (kaufkraftbereinigt) 824 pro Kopf und Jahr für Personal- und Sachaufwendungen in der Hoheitsverwaltung aus (2015). Um 270 Euro mehr als Durchschnitt der EU-15 (ohne neue Beitrittsländer). Bei Reduktion pro Kopf-Aufwendung können mindestens 0,5% des BIP eingespart werden. Vergleicht man Input mit Output (z.B. anhand „World Bank Governance Index“), kann Österreich 1% des BIP an Effizienzpotenzialen in Hoheitsverwaltung heben. Ebenso wären eine Modernisierung des Pensionssystems sowie faire und freie Rahmenbedingen für Export und Handel ein wichtiger Schritt für Österreich, um stark und wettbewerbsfähig zu sein.

Ir.

22. November 2017

Die Menschen die von ihrem geerbten Vermögen leben tragen nichts zur Wertschöpfung bei. Wie sollten Erbschaften besteuert werden damit die Vermögensverteilung wieder gerechter wird?

Unsere Antwort

Tatsächlich befindet sich mehr geerbtes „Vermögen“ in Anteilen in Familienbetrieben, als an Barvermögen vorhanden ist. Demnach sprechen wir uns gegen eine Erbschaftssteuer aus, da diese besonders bei Betriebsübergaben im Familienkreis negative Auswirkungen haben kann. Die wohl dramatischste Folge könnte die Gefährdung der Existenz des Betriebes und der damit verbundenen Arbeitsplätze sein. Was außerdem oft vergessen wird: Mit der Ausweitung der Grunderwerbsteuer auf Verkehrswerte bei unentgeltlichen Übertragungen bei der letzten Steuerreform hat Österreich bereits eine Erbschaftssteuer durch die Hintertüre eingeführt. Hätte Österreich das deutsche Steuerniveau, hätte jeder heimische Haushalt im Schnitt über 2.500 EUR pro Jahr mehr. Uns muss überdies bewusstwerden, dass durch die ausgeprägte staatliche Einkommensumverteilung von oben nach unten, Österreich bereits jetzt zu den „gerechtesten“ Ländern der Welt gehört. Jedoch wird dies leider oft anders empfunden.

Josef K.

20. November 2017

Also seid ihr eh für Umverteilung, solange sie halt von unten nach oben passiert?

Unsere Antwort

Für uns ist Umverteilung ein sehr wichtiges Thema! Neben Verteilungsgerechtigkeit darf man aber auch Aspekte der Chancen-, Leistungs- und Generationengerechtigkeit nicht vergessen. In Österreich sorgt die extrem ausgeprägte staatliche Einkommensumverteilung von oben nach unten bereits für ein hohes Ausmaß an gerechter Verteilung. Tatsächlich gehört Österreich sogar zu den „gerechtesten“ Ländern der Welt, was das betrifft – leider wird das oft nicht so empfunden.

Häufige Fragen zur Umverteilung

Unser Standpunkt

Bereits heute schultern die Österreicherinnen und Österreicher mit einer Steuerquote von über 43 Prozent eine überdurchschnittlich hohe Abgabenlast. Dabei haben vermögensbezogene Steuern die schädlichste Wirkung auf Wachstum und Beschäftigung, weil man damit keine Erträge, sondern Substanz besteuert.

Das Vermögen einer Volkswirtschaft und die Eigenkapitalausstattung der Unternehmen sind die Grundlage für mehr Investitionen für die Zukunftsfähigkeit des Standortes.

Der Mythos, dass Vermögen in Österreich nicht besteuert wird, ist falsch. Internationale Statistiken sind oftmals ungenau, weil Staaten unterschiedliche Abgaben als „Vermögensteuer“ festlegen. Rechnet man alle vermögensbezogenen Steuern in Österreich zusammen, entspricht dies 5,6 Prozent aller Steuerabgaben. Insgesamt wird Kapital in Österreich laut Eurostat mit 27,3 Prozent besteuert und damit höher als im EU-Schnitt (EU-27: 26,1 Prozent). Auch eine Erbschafts- und Schenkungssteuer wäre nicht nur für Familienunternehmen und deren Arbeitsplätze eine Gefahr: Der Großteil des gesamten Vermögens privater Haushalte in Österreich ist eben nicht ein reines „Finanzvermögen“. Darum setzt sich die Industrie für gerechtere Rahmenbedingungen ein.

Sie wollen noch mehr erfahren über Gerechtigkeit in Österreich? Dann werfen Sie einen Blick auf die häufig gestellten Fragen, oder stellen Sie jetzt Ihre eigenen!

Wer mehr verdient, kann doch auch mehr Steuern zahlen!?

Mehr als jetzt geht nicht mehr. Menschen mit höherem Einkommen tragen in Österreich überproportional viel zum Einkommen- und Lohnsteueraufkommen bei. Die obersten 10 Prozent der Einkommensbezieherinnen und Einkommensbezieher tragen jetzt schon weit über der Hälfte (56%) zum Lohn und Einkommenssteueraufkommen und die obersten 20 sogar mehr als drei Viertel bei.

Der größte Teil der Umverteilung findet aber über das Transfersystem statt. Wenn man alle Steuern und Transfers zusammenrechnet, dann finanziert ein Nettotransferzahler in Österreich drei Nettotransferbezieher. Heute fließen schon mehr als zwei Drittel aller Steuern und Abgaben in die Umverteilung. Man kann also in Österreich nicht von einer „Einkommensschere“ sprechen, sondern viel mehr von einer „Belastungszange“.

Wird in Österreich gerecht verteilt?

JA! Gerechtigkeit entsteht immer im Auge des Betrachters. Es gibt in vielen Ländern eine nachweisbare Lücke zwischen den realen und der gefühlten Einkommensverteilung. Ein systematischer internationaler Vergleich von Bevölkerungsumfragen zeigt, dass die Österreicherinnen und Österreicher ein besonders pessimistisches Bild der Einkommensverteilung in ihrer Gesellschaft haben. Doch die Realität ist viel ausgewogener. Es gibt eine breite Mittelschicht und wesentlich weniger Einkommensschwache.

Gibt es wirklich immer mehr arme Menschen bei uns, was kann man da machen?

Wachstum, Jobs und günstigen Produkte reduzieren die ohnehin geringe Armut. Österreich gehört zu den Ländern mit der weltweit geringsten Armutsgefährdung. Sowohl die Armutsgefährdung, als auch die „absolute Armut“ gehen in Österreich beständig – auch seit der Krise – zurück.
Im Jahr 2008 waren in Österreich knapp 6 Prozent der Bevölkerung „arm“, das heißt sie konnten sich per Definition „die wesentlichen Bedürfnisse des täglichen Lebens nur ungenügend leisten“.

Heute sind es nur mehr 3 Prozent. Aber jeder Arme und jede Arme sind eine und einer zu viel. Armut kann man kurzfristig sehr wohl mit staatlichen Transfers als Überbrückung entgegnen. Aber dauerhaft und nachhaltig kann Armut nur mit Wachstum, mit Jobs, mit Bildung und mit mehr Kaufkraft für die Menschen durch immer bessere und günstigere Produkte verringert werden.

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